Minifest 08

8325 Ministrantinnen und Ministranten haben am 7. September in Aarau das alle drei Jahre stattfindende «Minifest 08» zum Ereignis gemacht. Die Veranstaltung gehört zu den grössten regelmässigen Kinder- und Jugendanlässen der Schweiz und wird von der Deutschschweizer Arbeitsgruppe für Ministrantenpastoral DAMP organisiert. Mit dem bunten Begegnungsfest dankt die katholische Kirche der Schweiz den Kindern und Jugendlichen für ihren Dienst am Altar. Colin, Severin und Thomas sind auf dem so genannten Pilgerweg Richtung Glockenstuhl. Der Kirchturm der Pfarrei Peter und Paul in Aarau bietet einen wahrlich abenteuerlichen Aufstieg und obendrein eine tolle Aussicht aufs Gelände des Minifestes 08. Die drei Ministranten aus Engelberg sind mit Stufenzählen beschäftigt. Sie beachten die Ausrüstung nicht wirklich, die auf einem etwas breiteren Treppenabsatz ausgelegt ist und so gar nicht zu einer Kirchturmausrüstung passen will. Auf dem Kleiderbügel steht Dimitri. Darüber hängt ein Nadelstreifenhemd, darunter eine schwarze Hose. Auf dem Boden verstreut ein Kletterhelm, mehrere Karabiner, Unmengen Seile. Die Drei erklimmen die Beton-, später die Holzstufen. Etwas weiter oben reicht ein freiwilliger Mitarbeiter des Minifestes 08 den Turmbesteigerinnen und –besteigern Traubenzucker. Eine einfache Geste nur, doch gerade diese kleinen Handreichungen der über 300 Freiwilligen machen den Grossanlass so sympathisch. Colin, Severin und Thomas sind sich nicht einig, ob es nun 112 oder 114 Stufen waren bis zu den Glocken; den «Glocken-Pilgerpass» haben sie jedoch auf sicher. «Ich bin Ministrant geworden, weil unser Pfarrer erzählt hat, dass wir immer wieder Ausflüge machen, Feste feiern und nach dem Dienst etwas Süsses erhalten», erklärt Thomas. «Und das stimmt alles», ergänzen seine beiden Kollegen, die zusammen mit über 20 weiteren Minis aus Engelberg angereist sind. 8325 Kinder und Jugendliche sind es insgesamt, die das vierte Deutschschweizer Fest für Ministrantinnen und Ministranten in Aarau, der Stadt mit der ältesten Glockengiesserei der Welt miterleben. Hier wurde bereits 1367 die älteste Glocke der Schweiz – die Barbaraglocke der Kathedrale von Freiburg – gegossen. Genau so die jüngste, die am 21. Juni dieses Jahres gefertigt wurde und mittlerweile vom Turm der katholischen Kirche von Interlaken erklingt. So wie die tontiefste Glocke in St. Gallen hängt und die schwerste mit 10 000 Kilo im Berner Münster, aus so unterschiedlichen Gegenden sind die Kinder und Jugendlichen in den Aargau gereist. Jenny, Zoe, Rahel und Ramona zum Beispiel aus Einsiedeln. Die vier Ministrantinnen malen gerade eine Glockenpostkarte aus. Rahel will sie ihrem Papi schicken. Er war es auch, der sie auf die Idee mit dem Ministrantinnendienst brachte. Die drei anderen Mädchen nicken, bei ihnen lief es genau gleich. Bei Nicole aus Triengen waren es die Brüder, die zuerst ministrierten und sie so auf diesen Einsatz aufmerksam machten. Schon sechs Jahre lang steht ihre Kollegin Felicita im Mini–Dienst. «Für mich gibt es keinen Grund aufzuhören. Es tut mir gut, immer mal wieder in die Kirche zu gehen.» Dominik ist seit vier Jahren mit im Team und ihn freut es sichtlich, dass unter den 60 Minis aus Triengen ebenso viele Mädchen wie Jungs anzutreffen sind. Die Ministrantinnen und Ministranten haben mit Tarzisius einen Schutzpatron. Sein Leben und sein Märtyrium sind durch ein lateinisches Gedicht von Papst Damasus überliefert. Demzufolge wurde der junge Tarzisius von Heiden getötet, als er in Rom unterwegs war. Er wollte kranken oder gefangenen Christinnen und Christen die Kommunion bringen und weigerte sich, diese zur Schändung auszuhändigen. Tarzisius wurde bei den Callistus–Katakomben an der Via Appia Antica beigesetzt. Später wurden seine sterblichen Überreste in eine römische Kirche überführt. Aus Bronze schuf Künstler Bernhard Lang nun eine fast fünf Meter hohe Tarzisius–Skulptur – den «grössten Mini der Welt». «Tarzi», wie er am Fest von allen genannt wird, ist ein Blickfang. Er zeigt einen Ministranten, der mutigen Schrittes durchs Leben geht und bewegt damit offensichtlich die Massen. Den ganzen Tag über wird er belagert, als Rastplatz benutzt, vor allem aber als Fotosujet. Eine Gruppe nach der anderen stellt sich vor ihm auf. Tarzi nimmt den Rummel gelassen. Er schmunzelt zufrieden vor sich hin und freut sich wohl, bald wie all die anderen Kinder und Jugendlichen hier auf Reisen zu gehen. Demnächst wird er in Einsiedeln, später in St. Gallen und schliesslich 2010 zur internationalen Ministranten-Wallfahrt in Rom erwartet. Hinter Tarzisius ist das Harassenstapeln im Gang. Mini Valentin wächst damit doch tatsächlich über seinen Bronze-Kollegen hinaus. 25 Harassen türmt er auf – Rekord: «Kein Wunder, mein Vater ist Bergsteiger», kommentiert er locker. Etwas weiter wird ein Seilziehturnier ausgetragen, mit der Aarauer Feuerwehr übungshalber ein Pfannenbrand gelöscht oder Walliserdeutsch erlernt. Anderorts wird eine Kerze gezogen, dem Bischof begegnet, der Bibelthriller durchlebt oder ein Glockengedicht verfasst. Bunter könnte ein Festprogramm nicht sein und entsprechend neugierig, entspannt und zufrieden geben sich die über 8000 Kinder und Jugendliche. «Einfach eine tolle Sache», findet auch Schwester Clarentina. «Ich habe den Eindruck, dass dieser Tag, all die Erlebnisse die Minis aufs Neue für ihren Dienst motiviert», meint die Seelsorgerin, die eine Gruppe aus Galgenen nach Aarau begleitet. «Überhaupt freut es mich, dass sich die Kinder trotz ihrer meist vollen Agenda und entgegen den Eltern, die am Sonntag gerne ausschlafen würden, als Ministrantinnen und Ministranten engagieren.» Sie sagts und zückt zackig die Digitalkamera, die sie erst gestern gekauft hat, um ja all die Schnappschüsse des heutigen Ausfluges festhalten zu können. «I ghöre Glogge lüüte und irgendwie tönt’s au i mir in!» Noch einmal singt der Minifest-Chor den eigens für diesen Anlass komponierten «Gloggesong». Bald vermischt sich die Musik mit dem Klang der Treichler, die unüberhörbar aufs Festgelände einziehen und geht über in ein Raunen und Pfeifen. Nach und nach wenden sich die Gesichter himmelwärts. Da läuft es, das Nadelstreifenhemd aus dem Kirchturm – übers Hochseil. Akrobat David Dimitri trägt es. Seelenruhig balanciert er in luftiger Höhe von der Kaserne hinüber auf den Kirchturm. Wohl zählt er keine Stufen wie am Vormittag Colin, Severin und Thomas. Er erhält unterwegs auch keinen Traubenzucker. Aber nach gut einer Viertelstunde am Ziel ist ihm riesiger Applaus gewiss.